Weil-Marbach: Lebendige Geschichte
von Betty FinkeMarbach oder vielmehr sein Vorläufer Weil, das Privatgestüt des württembergischen Königshauses, ist die Wiege nicht nur der deutschen Vollblutaraberzucht. Gegründet von Wilhelm i. von Württemberg zu Beginn des 19.Jahrhunderts auf Basis von Originalimporten aus der Wüste, prägte Weil die frühen Araberzuchten vor allem in Osteuropa. Die in Weil begründete Hengstlinie des Bairactar Or.Ar. (1814) und Stutenfamilie der Murana I Or.Ar. (1808) sind weltweit die ältesten ununterbrochen nachweisbaren, heute noch existierenden Linien der Araberzucht.
Seit 1932 wird diese Zucht im württembergischen Haupt- und Landgestüt Marbach nahtlos fortgeführt. Zwar kamen von Zeit zu Zeit neue Linien, vor allem aus Ägypten, hinzu, doch auch die alten Familien lebten fort. Waren es in der Weiler Ära die Beschäler Amurath (1829) und Jasir (1925, der erste Ägypten-Import der Neuzeit), welche die Zucht prägten, so waren dies im 20. Jahrhundert die Ägypter Hadban Enzahi (1952) und Gharib (1965). Seine Blütezeit erlebte Marbach in den 70er und 80er Jahren des 20.Jahrhunderts, als das Gestüt Pferde in alle Welt exportierte und mit seiner von Hadban Enzahi geprägten "silbernen Herde" zur Pilgerstätte für Araberfans aus aller Welt wurde. Ihm folgten der Rappe Gharib, der Pigment, Rahmen und Bewegung mitbrachte, und der selbstgezogene Saher, der letzte große asile Beschäler aus Weil-Marbacher Stamm.
Zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde es stiller um die Marbacher Zucht, weil sich das Gestüt weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückzog. Oder wenigstens aus jener ausufernden Schauszene, die mehr Wert legte auf extremen Typ als auf ein solides Fundament mit guten Gelenken, erstklassiges Temperament und Reiteignung. In Reiterkreisen fanden diese Pferde nach wie vor ihre Liebhaber. Doch Marbach war nie wirklich weg. Die vergangenen drei Jahre under der neuen Leitung von Landoberstallmeisterin Dr. Astrid von Velsen-Zerweck brachten frischen Wind und manche Neuerung. Die Marbacher Vollblutaraber kehrten zurück in die Öffentlichkeit. Vor allem der hoch ausgebildete Dschehim, ein klassischer Weil-Marbacher aus dem Stamm des Bairactar und der Familie der Murana I, präsentiert sich unter Hauptsattelmeister Horst König in ganz Deutschland als Werbeträger für seine Zuchtstätte. Auch im Distanzsport sind Pferde aus Marbach heute erfolgreich unterwegs.
Auch wenn neue Linien hinzugekommen sind, sind es doch weniger die Pferde, die sich geändert haben , als die Mode. Wir sollten froh sein, dass eine solche Bastion "alter" Werte noch existiert und nicht blind jeder Moderichtung hinterhergehetzt wird.
Heute: Marbacher Beschäler Dschehim aus Weiler Stamm Foto: (c) 2010 Katrin Kemmler
